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Hessenliga: 6½ Dramen gegen Gelnhausen

Der SC Gelnhausen hat in der Hessenliga die Wahl: Aquiriert er die Meistertruppe, so kann kein anderer Hessenligist mithalten. Besteht dafür keine Notwendigkeit, kann es sein, dass Gelnhausen keine Chance hat.

Das war - wie zum Vorsaison-Schluss - die große Frage. Bad Homburg dagegen trat wie gewohnt in stabiler - fast berechenbarer - Besetzung an und konnte sogar die etatmäßigen Bretter 1-8 aufbieten. Allerdings zeigte sich gleich nach der Ankunft, dass auf dem Parkplatz mehrheitlich Englisch gesprochen wurde, und in der Tat trat Gelnhausen mit 3 Titelträgern aus Spanien und Kroatien an.

Es würde schwer werden, das war jetzt klar. Aber dass es so ein Drama werden würde, das konnte keiner ahnen.


Gelnhausens Spitzenbretter auf der rechten Seite. Dennoch holte Bad Homburg vorne 1½ Punkte. Zwar wären 2½ gefühlt verdient gewesen - aber gegen solche Leute ist es schwer, Chancen zu nutzen.

Es gab keine Kurzremisen, sondern vielmehr endete das erste Drama zugunsten von Bad Homburg: Alexander Haucke hatte im linken Diagramm gerade auf d5 genommen und sich auf 22. ... Txc2 23. Sxc2 Sf3+ eingelassen.

In der rechten Diagrammstellung erwartete er ein Dauerschach und bot Remis an. Der Gegner wollte aber angesichts der heftigen weißen Zeitnot gewinnen und zog 26. ... Th5?. Aber Alexander Haucke fand in seinen letzten Sekunden die glatte Widerlegung 27. Da8+ Kg7 28. Se3! und machte in der Folge den vollen Punkt. 1:0 für Bad Homburg.

Walter Schmidt war der nächste: Gegen seinen stark aufspielenden jungen Gegner holte er in beidseitiger Zeitnot ebenfalls einen nach dem Partieverlauf unverdienten halben Punkt.

Dafür schlug das Schicksal besonders hart am Spitzenbrett zu: Ryhor Isserman hatte als Anziehender seinen großmeisterlichen Gegner jederzeit im Griff und stets etwas Vorteil. Der letzte Zug vor der Zeitkontrolle: Schwarz zog 39. ... Lf4. Nicht, dass es eine Falle gewesen wäre. Der hinterher konsternierte Ryhor Isserman tappte dennoch hinein: 40. Sc3??? Lxb8 - und Aufgabe. Die Nerven - und sehr schade um den verdienten Erfolg!

1½-1½ nach 4 Stunden - und jetzt stellte sich die Frage: Darf man in der Hessenliga ein Endspiel mit nur 4 Bauern gegen Turm, Läufer und Springer noch weiterspielen? Ingo Hanemann tat genau das in der linken Diagrammstellung.

Und was soll man sagen: Er hatte fast Erfolg damit. Irgendwie schaffte er es zum rechten Diagramm - und die Stellung war Remis!

Aber - Drama Nummer 4 - Ingo Hanemann glaubte nicht, dass 55. g7 Ta7+ 56. Kf8 Kf6 57. g8=S+ remisiert und verdarb die Partie noch einmal.


Egon Merkle (rechts) gegen den jungen IM Marcos Camacho Collados. Der versuchte alles - und es war remis. 6 Stunden lang! Und dann - ein Drama. Dennoch: Egon bekommt ein Sonderlob für seine große Vorstellung!

Jetzt liefen noch 4 Partien und Bad Homburg benötigte noch 2½ Punkte zum Mannschaftsremis. Angesichts der Stellungen sollte das drin sein, denn sowohl Ralf Dunsbach, Richard Kaiser und Volker Novak spielten nur auf das gegnerische Tor. Egon Merkle verteidigte schon länger eine passive, aber undurchdringliche Stellung.

Aber es kam anders - und letztlich zeigte sich dabei, aus welchem Holz die Gelnhäuser Titelträger geschnitzt sind: Weder Volker Novak noch Ralf Dunsbach konnten den Sack zu machen - die harte Gegenwehr machte es auch wirklich schwer.

Einzig Richard Kaiser - die einzige Partie, die aus einem Guß war - verwertete seine Vorteile in gewohnter Manier.

Mit Schwarz hatte er früh einen Bauern eingesackt - aber es schien kein Durchkommen zu sein. Die Diagrammstellung aus der Schlussphase ist dann schon deutlich dominierend - und der Lohn von 6 Stunden harter Arbeit am Brett.

Bald folgte die Aufgabe von Weiß: 3½-3½!

Jetzt lief nur noch die Partie von Egon Merkle. Mit Schwarz hatte er zunächst Mattgedanken seines Gegners - ein junger IM aus Spanien - abgewehrt, war aber auf einem schlechten Läufer sitzen geblieben. Dennoch: Das ist remis, weil Weiß nicht durchkommt und wenig Raum hat.

Irgendwie schaffte es Weiß aber, die Stellung zu öffnen und noch einmal Bewegung ins Spiel zu bringen. Im rechten Diagramm dann leider die Entscheidung gegen Bad Homburg: Mit nur noch je einer Minute auf der Uhr trickste der Spanier den Bad Homburger Kämpfer noch aus: 65. Sf4+ Kc2 66. Ke2 c3 67. d3! Kb2 68. Ke3 c2 69. Se2 und gewinnt.

Was soll man für ein Fazit ziehen? Es war ein großer Kampf und die knappe Niederlage ist gegen diese Gegner ein vorzügliches Ergebnis. Andererseits muss Bad Homburg - jetzt mit 2 Punkten aus 3 Matches in der hintern Tabellenhälfte liegend - irgendwann auch Punkte holen und nicht nur antäuschen, um nicht noch in Abstiegsgefahr zu kommen.

Mal sehen, ob das gegen Bad Nauheim - denen es übrigens genauso geht - gelingt. (W.S.)

Die Einzelergebnisse:

SC Gelnhausen SK Bad Homburg  4,5-3,5 
GM Jankovic,Alojzije  2546  FM Isserman,Ryhor  2235  1-0
IM Camacho Collados,Marcos  2377  Merkle,Egon  2132  1-0
Chandler,Patrick  2118  Haucke,Alexander  2152  0-1
Bravo Lutz,Sebastian  2175  FM Dunsbach,Ralf, Dr.  2097  ½-½
Bankmann,Daniel  2019  Schmidt,Walter  2142  ½-½
Reh,Stefan  1966  Kaiser,Richard  2089  0-1
Müller,Ullrich  1911  Hanemann,Ingo  2114  1-0
WFM Guadamuro Torrente,A.  2187  Novak,Volker, Dr.  2067  ½-½

Artikel "Casino Royale" beim SC Gelnhausen